Von oben betrachtet

Die Mauer suchen viele Berlinbesucher wie die vermaledeite Stecknadel im Heuhaufen. Ein Blick von oben kann da helfen.

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2014: Lichtinstallation als „Symbol der Hoffnung für eine Welt ohne Mauern“,
Quelle: Kulturprojekte Berlin

Die chinesische Mauer sieht man sogar vom Mond. Als einziges Bauwerk der Welt. Die Berliner Mauer ist verschwunden – auch wenn sie nie vom Mond aus zu sehen war. Dennoch sind die letzten Fragmente nur mit Hilfe von Karten zu finden. Das ist auch gut so – also dass die Mauer weg ist und aus der Insel West-Berlin nach der Wiedervereinigung mit dem Ostteil der Stadt ein Ganzes wurde.

Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Uwe Gerig&Kulturprojekte Berlin_WHITEvoid -Christopher Bauder, Foto Daniel Büche
Damals und heute. Quelle: Archiv-Bundesstiftung, Uwe Gerig (links), Daniel Büche (rechts)

Dass Berliner ihren Gästen immer wieder den Weg zu den letzten Fragmenten der Mauer weisen müssen, hat durchaus positive Aspekte. Das Denkmal für eine ausgesprochen unerfreuliche Epoche der Deutschen Geschichte ist von ehemals 160 Kilometern auf drei Teilstücke mit maximal 1,8 Kilometern Länge geschrumpft. Das ist vielleicht ein bisschen wenig angesichts der historischen Bedeutung. Dafür findet man einzelne Betonelemente aus der Befestigung in der ganzen Welt. Sammler stellen sich ein Element in den eigenen Garten. In Cape Town steht eins, in Denver, in Portland, in Taipe, in San José (Costa Rica) und im Vatikan. Die Liste der Mauer als Exportschlager ist lang. Das im öffentlichen Umfeld auch immer die Geschichte dazu erzählt wird, ist großartig.

Portland, Long Wharf, Berliner Mauer
Berliner Mauer in Portland, Long Wharf. Quelle: pitsch22 – Fotolia.com

Die Revolution, die zum Ende des DDR Regimes führte, war eine friedliche: Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen, um für ihre Freiheit zu demonstrieren, und haben so 1989 eine Staatsmacht zu Fall gebracht. Steter Tropfen höhlt den Stein – ein schönes Sprichwort. Für Spurensucher in Berlin macht es das nicht einfacher. Bis es Abend wird. Denn was sich nicht geändert hat, ist eine kleine, profane Angelegenheit: Die öffentliche Beleuchtung im Osten hatte und hat ein anderes System, das ganz bestimmte Glühbirnen benötigt. Im Osten kamen vor allem gelbliche Natriumdampflampen zum Einsatz, im Westen eher weiße Leuchtstoff- und Quecksilberdampflampen. Chris Hadfield, der kanadische Kommandant der ISS, hat aus gut 400 Kilometern Höhe ein Foto gemacht, dass die Teilung der Stadt bis heute sichtbar macht.

Nasa-Chris Hadfield
Quelle: Nasa/Chris Hadfield

In den nächsten dreißig Jahren sollen die Lampen einheitlich erstrahlen. Bis dahin hilft der Blick nach oben, um an den Straßenlaternen zu erkennen, ob man Ossi oder Wessi ist. Der Strausberger Platz macht natürlich keine Ausnahme. Die gesamte Karl-Marx-Allee mit dem Platz als imposanten Start ist gesäumt mit Lichtdesign „Made in East Germany“. Grüne Masten, am Ende mit einem Kranz von fünf „Plaste“-Schirmen, aus denen es gelb leuchtet, flankieren die Strecke zwischen Alexander Platz und Strausberger Platz. Ab „Strausi“ wird es historischer: Im klassizistischen Gewand erhellen Kandelaberleuchter die Szene. Und die stehen auch schon unter Denkmalschutz. Obwohl die Lampen so tun, als stammten sie aus dem vorletzten Jahrhundert: Sie wurden im Rahmen des Aufbaus der Allee und des Platzes von Richard Paulick entworfen, einem der federführenden Architekten Anfang der 50er Jahre. Irgendwie irre, dass ein kaltes System so ein warmes Licht auf seine Bürger leuchten ließ. Heute haben die Anwohner des Strausberger Platzes den Benefit: In der großartigen urbanen Situation hat die Beleuchtung etwas gemütliches. Aus dem All sieht man es (noch).

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Straßenbeleuchtung auf der Karl-Marx-Allee, Quelle: Andreas Tölke