Welcome to Germany

Europa hat eine humanitäre Großaufgabe zu meistern. Der Strausberger Platz ist mitten drin. Und die Bewohner engagieren sich. Ohne groß zu fragen.

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Quelle: kallejipp / photocase.de

Ich sitze gemütlich bei meinem Lieblingsitaliener a Mano und schwätze mit Freunden. Meine Gäste aus Afghanistan marschieren vorbei und der Patron des Restaurants erkundigt sich nach den exotisch anmutenden Gestalten. Wahrheitsgemäß wird berichtet, dass es sich um Flüchtlinge handelt. Flüchtlinge, die drei Nächte bei mir verbracht haben und dann die Wohnung einer Freundin zur Verfügung gestellt bekamen. Die Freundin war in Urlaub, hatte bei Facebook gesehen, dass ich Gäste aufgenommen habe und meldete sich lapidar mit: „Ich bin nicht da. Die Wohnung steht leer, gib sie doch deinen Gästen.“ Sie hat ihre neuen Bewohner nie gesehen, wird das wahrscheinlich auch nicht, sondern hat einfach ihre Tür geöffnet und Menschen Raum gegeben, die 6000 Kilometer auf der Flucht waren und nur mit ihrem nackten Leben in Deutschland ankamen. Eine Familie aus fünf Erwachsenen und drei Kindern, die durch Syrien und durch die Türkei gelaufen sind. Die in einem Schlauchboot, das für 16 Personen ausgelegt war, mit 53 Passagieren über das Mittelmeer fuhren. Bis der Motor ausgefallen ist und die Männer zwölf Stunden schwimmend das Boot zur griechischen Küste gezogen haben. Woher ich das weiß? Sie haben mir ein Video auf ihrem Handy gezeigt.

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Quelle: Spectral-Design / Shutterstock.com

Von Griechenland ging es weiter nach Budapest und dort in einen Kleintransporter. Wieder 53 Personen, zusammenpfercht, sieben Stunden ohne Stopp, ohne Wasser und mit wenig Luft. In Österreich wurde ein ähnlicher Wagen von der Polizei gestoppt. Die Insassen auf der Ladefläche sind jämmerlich erstickt… Meine Afghanen haben die Reise überlebt, sind in der großzügigen Wohnung in Sicherheit und blühen jeden Tag mehr auf. Dem Patron habe ich die Geschichte nicht mal erzählen müssen, es reichte das Stichwort „Flüchtlinge aus Afghanistan“ und er hat stante pede eine Einladung zum Essen ausgesprochen. Pizza für alle! Seine Gastfreundschaft ist die vorherrschende Atmosphäre, die ganz Deutschland ergriffen hat. Die Menschen fragen nicht, sie helfen. Auch die Bewohner am Strausberger Platz.

Bis dato hatte ich selbst 33 Gäste aus Ägypten, aus Moldawien, Pakistan, Syrien und Afghanistan. Meine Nachbarn aus dem gleichen Stockwerk bespaßen regelmäßig die Kinder meiner Gäste und haben eine riesen Kiste mit Kleidung abgeliefert, damit sie den Winter gut überstehen. Ein anderer Mitbewohner, dem ich im Vorbeigehen zugerufen habe, er möge seinen Kleiderschrank für Flüchtlinge ausmisten, stellte ganz lapidar drei dicke Tüten vor die Tür. Und aus dem Haus gegenüber wurde eine Matratze angeschleppt, damit das Notlager trotzdem kuschelig ist.

Ich könnte nach drei Wochen zig solcher Geschichten erzählen. Aber das schönste an der Hilfsbereitschaft ist, was sie mit den Menschen macht, die sie brauchen. Der Vater einer der Familien, die bei mir waren, sah bei der Ankunft vor zehn Tagen aus, als sei er Mitte siebzig. Er ist in seinen Fünfzigern. Und nach den zehn Tagen sieht man das auch wieder: der Blick ist klar und offen, er strahlt, die Falten haben sich wieder auf eine seinem Alter gemäße Anzahl reduziert. Er hat seine Würde wieder. Das kleine Wunder vom Strausberger Platz. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Egal wo er lebt und was er ist. Dass ein Land aufsteht und Menschen mit offenen Armen empfängt, ist letztendlich kein Wunder, sondern nur normal. Keiner sollte das vergessen, wenn er sich fragt, warum es nötig ist, etwas zu tun. Das Glück, nicht in Afghanistan oder Syrien geboren zu sein ist nämlich kein erworbener Verdienst, sondern eben nur eins: Glück.