Wenn in Berlin die Lichter angehen

Wenn man Berlin vom Himmel aus betrachtet, sind die ehemaligen Grenzen zwischen Ost und West immer noch klar zu erkennen. Der Grund? Die Straßenlaternen. In Ost- und Westberlin wurden die Straßen immer unterschiedlich beleuchtet und daher ist die Wiedervereinigung in diesem Punkt bis heute noch nicht sichtbar.

Es gibt also keine bessere Zeit, um sich zum Beginn der dunkleren Monate mit diesem Thema einmal genauer zu beschäftigen.

Die rund 224.000 Straßenlaternen haben in Berlin eine besondere Bedeutung. Sie erzählen von der Geschichte der Stadt, den verschiedenen Geschmäcker der Eroberer und Politiker, dem technischen Fortschritt und von den Zeiten des Krieges. Sie tragen Namen wie „Großer Galgen“, „Schinkelleuchte“ oder „Berliner Laterne“. Erlauben Sie uns daher heute, Sie auf eine Tour durch die Dunkelheit Berlins mitzunehmen.

Sogar die Laternenmasten sind besonders

Ein ausgezeichneter Ort um unsere Tour zu beginnen, ist unsere geliebte Karl-Marx-Allee. Hier sind alle Straßenlaternen in dem alten Stil der DDR aufgestellt worden. Sogar die Laternenmaste wurden von einem Architekten designt. Der verantwortliche Architekt war in diesem Fall Richard Paulick, was auch den Namen Paulick-Kandelaber erklärt. Von ihnen gibt es sage und schreibe 215 Stück und wir hätten nicht schätzen können, wie hoch sie sind, bis wir im Märkischen Museum direkt vor einer standen. Allein der obere Teil ist genauso groß wie ein Mensch und die ganze Laterne, inklusive des Mastes, ist unglaubliche neun Meter hoch. Genau wie der Rest der Straße wurde alles nach dem Moskauer Vorbild erbaut. Keine Kosten und Mühen wurden gescheut, sodass sogar Porzellan in die Lampenmaste eingearbeitet wurde.

Traurig ist jedoch, dass die DDR nicht die nötigen Gelder zur Verfügung hatte, um die Lampen zu erhalten und so waren sie nach dem Fall der Mauer in einem schrecklichen Zustand. Kaputte Lichter, aufgerissener Beton und sogar komplett zerstörte Lampenmaste – das ist von den Laternen noch übrig geblieben. Daher war es höchste Zeit für eine Neugestaltung…für die der Stadt jedoch die Gelder fehlten. Als „die teuersten Lampen Berlins“ wurden sie im Jahr 2007 von einer Zeitung bezeichnet. Selbst nachdem die Entscheidung getroffen wurde, günstigere Materialien zu verwenden, beliefen sich die Kosten noch auf 7 Millionen Euro.

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Es werde Licht an der Siegessäule in Berlin, Quelle: Daphne Damiaans

Ein guter Grund für einen Besuch des Westens

Die Lampenmaste der Karl-Marx-Allee versprühen den Charme der 50er Jahre und werden das hoffentlich auch in Zukunft tun. Aber es gibt noch mehr historische Laternen in Berlin zu entdecken. Bezirke wie Charlottenburg, Schöneberg oder Spandau sind schon am Tage wunderschön, werden es aber noch mehr, wenn die Nacht hereinbricht. Der Grund dafür: Gaslaternen. Einst gab es Millionen von ihnen überall auf der Welt, aber mittlerweile wurden sie weitestgehend durch elektrische Laternen ersetzt – nicht so in Berlin. Mehr als 50% der Gaslaternen, die auf der ganzen Welt noch in Betrieb sind, befinden sich in Berlin. 31.500 der 224.000 Straßenlaternen in Berlin funktionieren mit Gas. Ziemlich beeindruckend oder?

Gaslaternen haben in den letzten 100 bis 200 Jahren alles überlebt, was in Berlin geschehen ist. Jetzt können sich die Berliner ihre Stadt gar nicht mehr ohne die Gaslaternen vorstellen. Denn zum einen sind sie eine wunderschöne Sehenswürdigkeit und zum anderen kreiert Gas auch ein viel wärmeres und weniger grelles Licht als elektronische Laternen. Wenn es Nacht wird, werden 2850 Berliner Straßen und Plätze durch die Gaslaternen zu perfekten Postkartenmotiven. Die Berliner lieben diese Laternen sogar so sehr, dass sie ihnen ein eigenes Freilichtmuseum gewidmet haben. 1978, als in der Stadt immer mehr elektrische Lampen aufgestellt wurden, wurde es eröffnet. Mittlerweile beherbergt das Museum eine Sammlung von 90 verschiedenen Gaslaternen aus Berlin und dem Rest der Welt.

Bitte zerstört das nicht…

Es hört sich also so an, als wäre das etwas, worauf die Stadt sehr stolz sein kann. Trotzdem stehen die Gaslaternen unter ständiger Bedrohung. Gegner sagen, dass elektrisches Licht günstiger und umweltfreundlicher sei und zudem die Stadt sicherer machen würde, da elektrische Laternen mehr Licht spenden. Der Verein Gaslicht-Kultur stimmt dem jedoch nicht zu und kämpft mit vielen Argumenten für Gas und gegen die elektrischen Laternen, um das Gaslicht in Berlin zu erhalten. Sie sind noch nicht von der Schönheit überzeugt? Dann nehmen Sie doch einmal an der kostenfreien Tour teil. Sie werden sofort verstehen, wofür der Verein kämpft, wenn sie mit dem Fahrrad oder dem Bus diese schönen Stellen Berlins besichtigen.

Und was ist nun mit der sichtbaren Ost-Westgrenze, die man vom Himmel aus sehen kann? Ist es, weil im Osten mehr elektrische Laternen und im Westen Gaslaternen stehen? Nicht nur. Es gab nämlich in Ost und West auch einen Unterschied bei der Wahl der elektrischen Lampen. Während im Osten eher gelbliche Natriumlampen verwendet wurden, griff man im Westen auf quecksilberhaltige Lampen, die eher weiß leuchten. Heute, mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, wurden die Lampen nach wie vor nicht angepasst.
Hier sind wir also, mit Gaslaternen im Westen und den gelblich scheinenden Lampen in den Laternen der eindrucksvollen Karl-Marx-Allee.