Wenn Wünsche in Erfüllung gehen…

Ich kann mich noch an das erste Mal erinnern. Natürlich tue ich das. Ich hatte bereits über die Straße gelesen und so wusste ich ungefähr was mich erwarten würde. Dennoch war ich eigentlich nicht wirklich auf ihren Anblick vorbereitet, denn ich war von ihm schließlich so ergriffen, wie ich es mir nie hätte träumen lassen: Es ist die Art wie die Straße sich dem Besucher schnurgerade vom Alexanderplatz her öffnet, es sind die hohen Gebäude, ihre Kacheln und Ornamente, die Mosaike und es ist die Art wie der Fernsehturm, den man im Rücken hat, scheinbar immer beobachtet. Die Karl-Marx-Allee: Liebe auf den ersten Blick. Ohne Zweifel war sie die erstaunlichste Straße, die ich bis dahin je gesehen hatte.

P1
Mein erstes Mal auf der Karl-Marx-Allee (2007)

Es ist schon etwas her als ich das erste Mal die Straße sah –acht Jahre um genau zu sein. Meine Reise führte mich damals weit in den Osten Europas. Ich besuchte wunderschöne Städte, voll mit Geschichte, so wie Warschau, Riga, Kiew und Minsk. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich wohl eine Schwäche für sozialistische Geschichte und Architektur habe. Schließlich entschied ich mich auf Grund dieses Faibles nach meiner journalistischen Ausbildung Geschichte zu studieren. Und jedes Mal wenn ich nach Berlin zurückkehrte, was ich mittlerweile nicht mehr an zwei Händen abzählen kann, kehrte ich zu meiner ersten großen Liebe zurück. Ob allein oder mit meinem neuen Freund, mit meiner Schwester oder mit einer Gruppe von Freunden: Alle mussten sie diese faszinierende, ja bezaubernde Straße sehen und das obwohl einige von ihnen gar nicht genau wussten, warum ich ausgerechnet diese enorm weite Straße gegenüber den kleinen Straßen von Paris oder den Kanälen von Amsterdam bevorzugte.

P2
Das erste Foto das ich von der Karl-Marx-Allee geschossen habe(2007)

Ja, warum eigentlich…?

Sobald es möglich war, kam ich nach Berlin. Erst blieb ich einige Wochen und dann sogar Monate. Ich verbrachte unzählige Stunden im Bundesarchiv,  welches auch das Archiv der DDR beinhaltet. Durch meine Recherchen konnte ich mich intensiver mit der komplexen Geschichte der Stadt auseinanderzusetzen. Ich schrieb meine Master-Thesis über Paul Robeson, einen US-amerikanischen Sänger und Menschenrechtsaktivisten, der in der DDR und der Sowjetunion sehr beliebt gewesen war. Viele Leute fragen mich immer wieder warum mich die DDR denn so fasziniert, aber tatsächlich bin ich mir selbst nicht so sicher warum. Es hat sicherlich etwas mit dem Umstand zu tun, dass die Geschichte der DDR so präsent ist obwohl doch das Land offiziell aufgehört hat zu existieren. In gewisser Hinsicht ist der DDR-Staat zwar verschwunden und einige seiner Spuren wurden sorgfältig beseitigt. Aber die Menschen, welche dabei halfen den sozialistischen „Traum“ zu bauen, sind immer noch da. Ebenso wie die meisten Gebäude: Stille Erinnerungen an all das, was bereits in den vergangenen 25 Jahren verschwunden ist.

P3
Wir halten tatsächlich die Schlüssel für unsere neue Wohnung in der Hand!

Zögerte ich also auch nur eine Sekunde als ein Freund erwähnte, dass eine Wohnungslotterie es vielleicht möglich machen könnte, dass ich inmitten meines Lieblingsplatzes in Berlin, diesem wundervollen Stück Geschichte, leben könnte? Nein, natürlich nicht! Ich begann gleich am selben Abend zu schreiben und versuchte in Worten auszudrücken, was mir die Straße bedeutet. Ich wusste, dass Paul Robeson einmal in der mittlerweile abgerissenen Sporthalle aufgetreten war – damals, als die Karl-Marx-Allee noch Stalinallee hieß und Stalin noch auf seinem Sockel stand und über die Bürger von Ost-Berlin wachte. Ich verband dieses Wissen mit meiner eigenen Erfahrung, wie ich diese beeindruckende Straße mit dem Rad entlang fuhr, meine Augen auf den Fernsehturm gerichtet. Der ganze Text meines Essays, mit dem ich an der Central Berlin Lottery teilgenommen habe, wird in einigen Tagen hier auf diesem Blog zu lesen sein, aber ich möchte schon einmal eine kleine Kostprobe geben:

P4
Schaut her: Ich bin berühmt! (Berliner Zeitung, 5.5.2015)

Es ist kalt für Anfang Oktober, zumindest kälter als ich erwartet habe. Die Kälte macht die Fahrt mit dem Rad von Friedrichshain, meiner vorübergehenden Heimat, nach Lichterfelde, dem Sitz des Bundesarchives, jedoch nicht kürzer. Trotzdem genieße ich die tägliche Fahrt und meine Gedanken schweifen bereits ab zu meinem Recherche-Projekt. Ich kann schon förmlich die DDR-Dokumente riechen und ich frage mich, was ich heute wohl alles aus den Stapeln von Akten herausbekommen kann. Ich puste ein bisschen warme Luft in meine Handschuhe, während ich an der Ampel an der Ecke Boxhagener Straße warte. Eine alte, gebückt laufende, Dame überquert die breite Karl-Marx-Allee. Als die Ampel auf Grün umspringt, hat sie kaum die Mitte der Straße erreicht. Ich frage mich, wie lang sie wohl schon hier lebt. War sie eine der Vorzeigearbeiter, die in den 50er Jahren beim Bau der Gebäude mitgeholfen haben? Als ich die Straße überquere, versuche ich meine Beine so schnell wie möglich zu bewegen um wieder warm zu werden. Ich blicke vorwärts in Richtung des berühmten Alexanderplatzes. Während ich fester in die Pedale trete, versuche ich den Fernsehturm durch den Nebel zu erkennen.

P5
So sieht unser Wohnzimmer aus. Mit dabei: Meine Katze Quisp

Den Osten erobern

In der Zwischenzeit machte ich bereits Pläne, um nach dem Sommer nach Berlin zu ziehen. Ich erwartete nicht den Wettbewerb zu gewinnen. Ich wollte einfach nur gerne zurück nach Berlin. Ich habe in der deutschen Hauptstadt für drei Monate gelebt, als ich meine Master-Thesis geschrieben habe… und hatte noch nicht genug. Mein Freund und meine Katze schienen auch Lust auf Berlin zu haben. Also warum nicht einfach den Sprung wagen und unser Glück für ein oder zwei Jahre in Berlin versuchen? Irgendwann Ende 2014 begann ich nach Jobs und Wohnungen zu schauen und ich verbesserte mein Deutsch während ich bei einer deutschen Firma in Amsterdam arbeitete. Wie wir es letztlich schaffen würden, war mir noch nicht ganz klar, aber ich war überzeugt davon, dass sich uns 2015 der Weg in den Osten Berlins ebnen würde.

Und dann hatte ich diese Sprachnachricht, als ich gerade nach einem Wochenende in Italien aus dem Flugzeug stieg.

Mit zitternden Händen hörte ich die wunderbaren Neuigkeiten. Ich habe es nicht gewagt den Gewinn zu erwarten, aber innerhalb von 24 Stunden wurde meine Welt auf den Kopf gestellt. ICH HATTE GEWONNEN. WIR WÜRDEN TATSÄCHLICH NACH BERLIN ZIEHEN. Sogar jetzt, wo ich diese Worte in Großbuchstaben tippe, kann ich es kaum glauben. Ich konnte es nicht nach dem Telefonat an dem sonnigen Tag im April glauben, es war immer noch unwirklich für mich, nachdem mir zwei Schlüssel und eine Menge Blumen die Woche danach überreicht wurden und ich konnte es nicht glauben als ich meinen ganzen Kram nach Berlin schaffte, nur einen Monat später.

Der Umzug nach Berlin ist  jetzt kaum eine Woche her. Ich bin nicht sicher wann es mir dämmern wird, dass ich tatsächlich auf der Karl-Marx-Allee wohne, in einer Wohnung, die vor sechzig Jahren mal der Traum eines jeden Ost-Berliners war und vor acht Jahren mein Traum wurde. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe in den letzten Wochen gelernt: Wünsche können in Erfüllung gehen. Und das ist unglaublich.

P6
Unser wundervolles neues Zuhause von oben – der Strausberger Platz