Wie die Karl-Marx-Allee ihr einziges Hotel verlor (man es aber nicht sieht)

Manche Leute haben das Glück, ein Apartment im Zentrum Berlins zu gewinnen. Andere müssen sich ein Hotelzimmer mieten, wenn sie Berlin besuchen möchten. Aber wenn Sie jemals versucht haben, ein Hotel am Strausberger Platz oder in der Karl-Marx-Allee zu finden, dann stellten sie vermutlich fest: Es gibt keins. Zumindest nicht, wenn Sie es nach 1995 versucht haben. Bis 1995 gab es das berühmte Hotel Berolina, direkt hinter dem Kino International. Leider teilte auch dieses Hotel das Schicksal vieler anderer DDR-Gebäude.

Doch da ist etwas Sonderbares. Denn obwohl das Hotel Berolina vor genau 20 Jahren abgerissen wurde, ist es immer noch da. Schauen Sie sich die Bilder an, die im April 1964 und im Oktober 2015 gemacht wurden: Ist das nicht das gleiche Gebäude? Die blaue Fassade, der kleine Würfel auf dem Dach, die kleinen Fenster und der Eingang auf der linken Seite?

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Quelle:Daphne Damiaans

Lassen Sie sich nicht irritieren!

1996 wurde das Hotel Berolina ohne Zweifel dem Erdboden gleich gemacht. Doch Architekten spielten mit der Erinnerung aus vergangenen Zeiten und haben ein verblüffend ähnliches Gebäude entworfen, das nun das neue Rathaus Mitte ist. So wurde zwar das Straßenbild gewahrt, doch das einzige Hotel der Karl-Marx-Allee bleibt verschwunden. Glücklicherweise gibt es trotzdem genug Möglichkeiten, in unmittelbarer Nachbarschaft der Straße und des Strausberger Platzes eine Unterkunft zu finden – doch dazu später mehr.

Lassen Sie uns erst noch einen Blick in die faszinierende Geschichte des ehemaligen Hotels Berolina werfen. 1964 wurden die ersten Gäste im Hotel, nach zwei Jahren Bauzeit, begrüßt. Es hatte 375 Räume, ein Restaurant mit Platz für 200 Personen, ein Souterrain-Restaurant im Keller, eine Bar in der obersten Etage des Hotels und mehrere Konferenzräume. Auf der Rückseite des Hotels gab es außerdem einen sogenannten Intershop. Als das Hotel öffnete, gehörte es noch einer Handelsorganisation der Regierung an. Ab 1965 war das Berolina Teil der „Interhotels“.

Sie beobachten Dich

In jeder größeren Stadt der DDR befanden sich Interhotels. Auf den ersten Blick waren sie eine Kette, vergleichbar mit den heutigen Hotelgiganten Hilton oder Radisson. Da die DDR allerdings ein sozialistischer Staat war, gehörte die Hotelkette der Regierung. Erstaunlicherweise durften die geliebten Arbeiter und Landwirte der DDR nicht in den Interhotels nächtigen – im Gegenteil. Die Interhotels waren für Gäste der gehobenen Klasse aus nicht-sozialistischen Staaten reserviert. Dadurch sicherte sich die DDR-Regierung den Zugang zu den wertvollen ausländischen Währungen, denn in den Interhotels konnte man nicht mit der DDR-Mark bezahlen. Gleichzeitig überwachte das Ministerium für Staatssicherheit alles, was in den Hotels geschah. Es gibt sogar Geschichten, in denen sich Stasi-Mitarbeiter als Prostituierte ausgaben, um die westlichen Besucher in unangenehme Situationen zu bringen.

Bitte klaut uns nicht die Gäste!

Entgegen aller Erwartungen war ein Aufenthalt in der DDR also beliebt. Die Zeitung „Die Zeit“ schrieb 1967: „ Ein neuer Trend erreicht Berlin und beunruhigt den nationalen Tourismusverband. Ausländer, die sonst eine West-Berliner Unterkunft bevorzugten, entscheiden sich vermehrt für einen Aufenthalt in den neuen Interhotels.“ Die Zeitung schrieb außerdem, dass das Berolina seit seiner Eröffnung vor drei Jahren schon 14.500 Gäste begrüßt hätte. Jede Woche würden Gäste aus 45 Nationen in das Hotel einchecken.

Laut Zeitungsbericht waren diese Nummern leicht übertrieben, aber die Schlussfolgerung blieb dieselbe: Hotels in Ost-Berlin waren sehr erfolgreich. Das lag nicht zuletzt auch an den Preisen: im Intershop, den jedes Interhotel besaß, konnte man Westprodukte zu Ostpreisen erwerben, die Zimmerpreise waren auf Ost-Niveau allerdings mit Weststandard.

Wie man in der DDR schläft

Nach der deutschen Wiedervereinigung war das Schicksal des Berolinas noch nicht sofort besiegelt – die Interhotels wurden zunächst in eine gewerbliche Körperschaft umgewandelt – die Interhotels AG. Viele Hotels blieben dadurch im Geschäft und behielten auch ihre ursprünglichen Namen, darunter das Interhotel Berolina. In den 90er-Jahren wurde die Kette mehrfach verkauft, bis der Name ‚Interhotel‘ schließlich verschwand. Nur vier Berliner Hotels überlebten. Sie sind heute Teil von internationalen Hotelketten.

Das bedeutet, dass Sie noch die Chance haben, in einem ehemaligen Interhotel nahe der Karl-Marx-Allee zu übernachten. Das gigantische Park Inn Hotel ist unmöglich zu übersehen, wenn sie den Alexanderplatz besuchen. Das 125 Meter hohe Gebäude war früher das Interhotel Stadt Berlin und mit 1.012 Betten und 1.006 Räumen auf 36 Etagen eines der glamourösesten Hotels der DDR. Wenn Sie nun allerdings hoffen, noch Spuren aus alten Zeiten oder gar einen Intershop zu finden, werden sie enttäuscht: Das Hotel wurde komplett renoviert und nur wenn man genau weiß, wo man schauen muss, findet man noch Überreste aus der DDR-Zeit.
Es gibt eine bessere Option, wenn Sie im ostdeutschen Flair übernachten wollen: das Ostel (Wriezener Karree 5), Ecke Karl-Marx-Allee. Es ist 100% DDR – von der Tapete bis zu den Möbeln bis zum Honecker-Bild an der Wand über dem Bett.