Wie man sich durch die Berliner Bürokultur arbeitet

Es gibt Dinge, die findet man in jedem Büro auf der Welt. Aus diesem Grund sind Fernsehserien wie The Office ein riesiger Erfolg. Kollegen, die immer zu spät kommen oder einen keinen Sinn für Humor haben, aufblühende Büroromanzen bei After-Work Drinks und Beschwerden über den schlechten Kaffee, langsame Computer und natürlich ein grummeliger Boss. Allerdings habe ich festgestellt, dass in Deutschland im Vergleich zu den Büros in Holland vieles anders läuft. Und das ist großartig, denn ich denke, das sagt eine Menge über die Kultur im Allgemeinen aus. Also, hier sind meine Beobachtungen:

Das Home-Office verlassen

Wie Sie vielleicht wissen, bezahle ich keine Miete. Ich habe im Juni letzten Jahres einen unglaublichen Preis gewonnen , der es mir erlaubt, für null Euro Miete im Monat in einem Apartment am Strausberger Platz zu wohnen. Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht arbeiten muss oder will. Ich arbeite als freiberufliche Texterin und für ein paar Stunden pro Woche in einem Büro in Kreuzberg – ein Startup, wie man es in Berlin erwartet. Nennen wir das Startup erstmal Hidden Travels (HT). Ich kann nicht für andere Büros in Deutschland sprechen und noch nicht einmal über andere Berliner Büros, aber ich wette, dass es überall sehr ähnlich ist. Nämlich ganz anders als in Holland.

Der Tag beginnt sehr früh. Oder, nein, tut er nicht. Ich habe ein Praktikum bei einem Reisemagazin in Holland gemacht und meine Vorgesetzten wollten, dass ich jeden Morgen um 8:30 Uhr beginne. Das ist verrückt. Ich brauchte über eine Stunde um zur Arbeit zu kommen, so musste ich jeden Morgen um 6:30 Uhr aufstehen. Das ist zu früh. Wenn ich im HAT-Büro arbeite, dann räume ich manchmal sogar noch auf oder erledige andere Sachen bevor ich gehe, weil ich nicht vor 9:00 Uhr im Büro sein möchte. Nicht nur weil die Leute sich dann stirnrunzelnd fragen, ob ich denn kein Privatleben hätte, sondern weil schlicht und ergreifend die Tür verschlossen wäre. Selbst wenn ich zwischen 9:00 Uhr und 9:15 Uhr ankäme, wären die meisten Büros noch leer. Gegen 9:45 Uhr mit der Arbeit anzufangen, wäre perfekt.

Das Büro nur über der Türschwelle

Es mag zunächst vielleicht etwas unprofessionell klingen, aber die meisten Menschen arbeiten trotzdem acht bis neun Stunden am Tag. Viele meiner Kollegen gehen nicht vor 19:00 Uhr nach Hause und zum Ende der Woche, wenn die Deadline bald erreicht ist, wird es meist noch später. In Holland hätte ich das gehasst. Denn wenn man die Fahrzeit noch dazu addiert – bei mir war das oft mehr als eine Stunde – ist man fast verhungert, wenn man zu Hause ankommt. Nicht so in Berlin. Alle meine Kollegen wohnen in der Stadt und nur ungefähr 30 Minuten vom Büro entfernt. Ich bin eine der Glücklichen und wohne, wenn ich mit dem Fahrrad fahre, nur 15 Minuten vom Büro entfernt. In Holland war ich es gewöhnt, 11 Stunden am Tag unterwegs zu sein, auch wenn ich nur acht Stunden gearbeitet habe. In Berlin bin ich bei einem achtstündigen Arbeitstag nur 8,5 Stunden unterwegs.

Also ja, ich fahre immer noch mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das ist total normal in Holland, obwohl es auf den ganzen Rest der Welt und komisch, sportlich oder einfach nur andersartig wirkt– oder besser: für den größten Teil des Restes der Welt. Zurzeit bin ich nicht die einzige Angestellte, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. Aber betrachtet man den Stellplatz vor dem Haus, welcher Platz für 15 Fahrräder bietet, und die Menge der Menschen, die in dem Gebäude arbeiten (60 allein in meinem Büro; in dem Haus sind noch fünf weitere Büros untergebracht), ist dieser Prozentsatz eher unerheblich. Hier benutzen die meisten Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel, auch wenn das bedeutet, dass sie länger laufen als sie fahren. In Holland fährt man entweder den ganzen Weg zur Arbeit oder man fährt zumindest bis zur Haltestelle, um dann mit einem anderen Fahrrad weiter zu fahren, wenn man in der Stadt ist, in der man arbeitet. Oder man nimmt das Auto. Vorausgesetzt man mag es im Stau zu stehen. Das wäre noch komischer in Berlin. Ich glaube nicht, dass auch nur einer meiner Kollegen mit dem Auto zur Arbeit fährt.

Die Holländer und das Mittag

Es ist Zeit für eine traurige Geschichte über Holländer: Wir mögen kein Mittag. Oder zumindest wollen wir keinen großen Aufwand darum betreiben. Wir nehmen uns kleine Brotdosen mit Käseschnitten (also zwei Scheiben Brot und eine Scheibe Käse) mit und essen diese vor unseren Computern oder – wenn wir Glück haben – in einer schlecht beleuchteten Cafeteria. Sehen Sie, das ist traurig. Die Deutschen machen so etwas nicht. Eher kochen sie ein ganzes Menü in der Büroküche oder gehen Mittagessen. Das HAT-Büro hat sogar zwei Kühlschränke, einen Ofen und einen Herd. So gut wie jedes Berliner Restaurant bietet spezielle Mittagsangebote an, was bedeutet, dass Sie ein gutes vietnamesisches Essen für wenige Euro bekommen. Oder japanisches, libanesisches. Italienisches… Obwohl ich zugeben muss, dass ich ab und zu immer noch meine Käseschnitte esse. Auch wenn ich mein Brot jetzt toaste, es fühlt sich einfach nach zu Hause an.

Die Deutschen und der Smalltalk

Jetzt ist es Zeit für eine traurige Geschichte über die Deutschen: Sie reden nicht. Und sie hassen uns Holländer wahrscheinlich, weil wir ununterbrochen reden. Es ist eine Tatsache (hoffentlich ist sie nur in Holland so weit verbreitet), dass Holländer viel reden und eine laute Stimme haben. Wir sind große Fans vom Smalltalk, besonders, wenn wir uns über das Wetter unterhalten. „Man ist das kalt heute!“, „Ich weiß, aber ich habe den Wetterbericht gesehen und für morgen sagen sie Sonne voraus.“, „Wirklich? Auf dem anderen Sender haben sie gesagt, dass mehr Regen zu erwarten sei.“, „Noch mehr Regen? Ich denke, ich sollte auswandern. Meine Schwester ist zurzeit in Italien…“ und so geht der Smalltalk immer weiter. Die Deutschen tun das nicht. Sie kommen ins Büro, sagen „Hallo“ und beginnen zu arbeiten. Dafür haben sie jeden Tag ihre ausgedehnte Mittagspause. Aber selbst da gibt es nicht viel Smalltalk. Es sei denn, es ist ein Holländer dabei, denn wir drängen andere einfach dazu, Persönliches zu erzählen.

Und es gibt noch so viel mehr. Den Dresscode zum Beispiel. Die Menschen tragen in Berlin keine Anzüge. Noch nicht einmal, wenn sie ein ganzes Büro leiten. Sie tragen Jeans und Sweater. Nicht schlecht. Sie nehmen aber auch keine Kaffeepausen oder Kopierpausen, um sich abzulenken. Das ist schade. Sie arbeiten nicht Teilzeit, aber immer 40 Stunden in der Woche. Das ist wirklich schwer zu verstehen, denn in Holland arbeiten 50 Prozent der Menschen weniger als 40 Stunden. Nicht nur die Mütter, auch die Väter haben Monat um Monat frei, nachdem das Baby zur Welt kam. Das ist beneidenswert. Der Punkt ist: Büro ist nicht nur Büro und Arbeit ist nicht nur Arbeit. Und ich? Ich werde immer die Lauteste sein, werde immer die Käseschnitten essende Holländerin sein, die immer zu früh ist und nicht von ihrem Fahrrad lassen kann. Aber wenigstens bin ich nie wieder underdressed.