Von „Arbeiterschließfächern“ und „Arbeiterpalästen“ – Wohnen in der DDR

Der Strausberger Platz war absolute Vorzeigearchitektur der DDR, viele Bürger hofften, hier einmal einziehen zu können. Der Einzug der ersten Mieter wurde in den Tageszeitungen der DDR groß angekündigt und mit einer klassischen Eröffnungszeremonie gefeiert. Wer durfte einziehen? „Werktätige, die für ihre Leistungen mit einer Zuweisung einer Wohnung in der ersten sozialistischen Straße ausgezeichnet worden sind“ (Berliner Zeitung am 7. Januar 1953 ). Die symbolische Strahlkraft dieser Wohnungen wird erkennbar, wenn man sich die Alternativen der Zeit genauer anschaut.


Werbeplakat für den Aufbau Berlins – Quelle: Wilhelm Schubert, Plakat, 1952 | Berlin 1952 | Pinterest

Architektur am Strausberger Platz: Vorbild für ganz Berlin

Nach dem Krieg war Ostberlin auch in den frühen 1950er Jahren ein Trümmerfeld. Die DDR-Führung ließ sich hiervon jedoch nicht abschrecken. Im November 1951 rief das Zentralkomitee der SED das Nationale Aufbauprogramm aus, das die Bürger der DDR ab 1952 für Enttrümmerung einspannte: Materialien sammeln und Baufläche schaffen. Im Speziellen wollte die Ostregierung die Stalinallee mit Gebäuden bebauen, deren „Architektur und Stadtplanung der neuentstehenden deutschen Hauptstadt vorbildlich“ sein sollte (Neues Deutschland am 25. November 1951). Gleichzeitig wurde die sogenannte Aufbaulotterie gestartet, bei der 1000 2-3-Zimmerwohnungen verlost wurden. Teilnehmen konnte, wer dem Staat für ein Jahr einen Teil seines Monatseinkommens zur Verfügung stellte oder 100 Halbschichten, also 300 Arbeitsstunden Enttrümmerung, leistete.

Dass die im „Aufbaufieber“ entstandenen Gebäude im Zuckerbäckerstil tatsächlich dem Ideal entsprachen, das sie verkörpern sollten, davon kann man sich noch heute ein Bild machen. Hermann Henselmann, Architekt der Wohngebäude am „schwierigsten Abschnitt der Stalinallee“ am Strausberger Platz wurde dafür sogar der Nationalpreis der DDR verliehen. Aber auch zu Erbauungszeiten konnte der Kontrast nicht größer sein: Denn die Alternativen für die Bürger der DDR waren bescheiden. Trotz der Aufbauinitiative wurden bis 1964 nur 800.000 Wohnungen gebaut – landesweit. Der überwiegende Teil des alten Baubestandes wurde im zweiten Weltkrieg ganz oder teilweise zerstört. Zwar waren im Krieg viele Menschen gestorben oder befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft, Platzmangel herrschte trotzdem.

Aufbau Karl-Marx-Allee
Aufbau der Karl-Marx-Allee – Quelle: Bundesarchiv,  Bundesarchiv, Bild 183-16144-0006 / Krueger / CC-BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons


Strausberger Platz today – Source: Central Berlin

Altbauwohnungen: Alles andere als hip

Die Berliner Altbauwohnungen wurden notdürftig repariert und saniert. Viele dieser Gebäude besaßen bis in die 1980er Jahre keine Versorgung mit fließend warmem Wasser, eigene Toiletten oder andere Heizmöglichkeiten als Kohleöfen. Diese Zustände wurden durch einen weiteren Faktor erheblich verstärkt: Die Regierung verkündete stolz, dass die Mietniveaus der DDR auf dem Preis von 1930 eingefroren werden sollten, was auch geschah. Vermieter und Hausbesitzer sollten sich nicht an Wohnkosten bereichern können. Bei Quadratmeterpreisen von unter einer DDR-Mark war dies erstmal eine erfreuliche Nachricht. Allerdings fehlten den Hausbesitzern zunehmend die Mittel und die Planwirtschaft der DDR schaffte es nicht, genügend Materialien bereitzustellen, um die Häuser auch äußerlich instand zu halten. Ganze Straßenzüge von Altbauten verfielen somit nach und nach.

Ihre Wand schimmelt und Sie brauchen kurzfristig einen Maurer? Selbst ist der Mann! In sogenannten Reparaturstützpunkten wurde Eigeninitiative mit kostenlosen Baumaterialien, Verleihmaschinen und sogar Entlohnung für die geleistete Arbeitszeit unterstützt. Das war auch dringend nötig, denn es war ungemein schwierig, einen Handwerker buchen zu können. Dies galt umso mehr, nachdem das Wohnungsbauprogramm für Neubauten 1971 anlief.

Verpönte Sozialpolitik bringt den Plattenbau

Wohnungsmangel als sozialpolitisches Problem war in der DDR lange Zeit verpönt. In der sozialistischen Sichtweise war Sozialpolitik lediglich ein Werkzeug der westlichen Länder, die die sozialen Probleme des Kapitalismus irgendwie ausgleichen mussten. Solche Probleme wurden in der sozialistischen DDR zunächst nicht anerkannt. Sie würden sich über kurz oder lang wohl selbst lösen. Diese Einstellung änderte sich erst 1971, als Erich Honecker Generalkommissar des Zentralkomitees der SED wurde. Nach ihrem VIII. Parteitag verkündete diese im selben Jahr das Wohnungsbauprogramm, das „jedem eine warme, trockene, sichere Wohnung“ versprach. Bis 1990 sollten so 3,5 Millionen neue Wohnungen entstehen.

In der ganzen DDR wurden nun auf grüner Wiese Siedlungen von Plattenneubauten errichtet. Zu den Siedlungskomplexen gehörten auch immer gesellschaftliche Einrichtungen wie Schulen, Orte der medizinischen Versorgung und Einkaufsmöglichkeiten. Es entstanden neue Zentren an den Rändern der gewachsenen Stadt. Die Baukasten-Methode machte es möglich, schnell viele Häuser hochzuziehen, in die schon schnell die wartenden Bürger Berlins einziehen konnten. Sie waren beliebt und irgendwie ein bisschen luxuriös: Eigenes Bad, fließend Warmwasser, vollausgestattete Küchen mit Herd, Zentralheizung…allerdings warteten Bürger bis zu mehreren Jahren auf die Zuteilung solch einer Wohnung. Einen freien Wohnungsmarkt gab es nicht und die allerwenigsten Menschen lebten in einem Eigenheim.

Monotonie

Diese Siedlungen wurden nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten konzipiert. Vielmehr sollte schnell ein vorzeigbares Ergebnis her, um erneut die Kraft des Sozialismus zu demonstrieren. Monotonie war die Folge. Äußerlich wie innerlich folgten alle Wohnungen demselben Schema, hatten dieselben Grundrisstypen, und das nicht nur innerhalb einer Stadt, sondern in der gesamten DDR. Auch die Möblierungsauswahl war sehr beschränkt. Dies war auch programmatisch angelegt: Der Plattenbau wurde zum sozialen Gleichmacher, der Professor wohnte neben dem Stahlarbeiter. Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse sollten nicht an den Wohnverhältnissen ablesbar sein. Mit Voranschreiten der Zeit blieben die Mittel aus, es musste auch in den Neubauten gespart werden (eine neue Wand machte eine Drei- zu einer Vierzimmerwohnung) und es wurde eng – aus Plattenbauten wurden „Arbeiterschließfächer“.

Eröffnungsfeierlichkeit Aufbauprogramm Berlin
Eröffnung des Aufbauprogramms Berlin – Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-15894-0004 / Krueger / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Central Berlin Strausberger Platz
Strausberger Platz heute – Quelle: Central Berlin

Der Strausberger Platz bot also ein anderes Programm, visuelle Abwechslung, und war schon rein optisch eindrucksvoll. Die Ausstattung war modern und ähnelte der der Plattenbauten. Ursprünglich kam der Wohnblock auch seinem Zweck zugute, Arbeitern Unterkunft zu bieten. Im Laufe der Zeit wurde der Strausberger Platz zur exklusiven Unterkunft für linientreue SED-Anhänger. Das alles ist längst Geschichte. Heute stehen die Gebäude am Strausberger Platz unter Denkmalschutz und sind aufgrund ihres Altbau-Charmes und ihrer Einzigartigkeit bei Kapitalanlegern sehr beliebt. Denn der Kauf einer Eigentumswohnung am Strausberger Platz ist nicht nur eine attraktive Geldanlage, sondern auch ein Teil DDR-Geschichte.

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