Zeitreisen in Berlin: Zurück in die 20er, 50er und 70er

Wäre es nicht toll, wenn man einfach mal so einen Kurzurlaub in der Vergangenheit machen könnte? Die Zeitreise braucht ja gar nicht allzu weit zurück zu gehen: ein Wochenende lang in den 1920ern tanzen, in den 1950ern shoppen und in den 1960ern auf ein Konzert gehen. Soll ich Ihnen mal ein Geheimnis verraten: In Berlin braucht man dafür nicht mal eine Zeitmaschine! Die Geschichte ist hier überall präsent – und zwar nicht nur in Form von Gebäuden, sondern man kann sie selbst erleben. Hier ein paar Tipps, wo sich Zeitgeschichte hautnah erleben lässt:


Wir nehmen Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Quelle: suze / photocase.de

1920er: Absinth, Swing und moderne Architektur

Berlin damals: Die drittgrößte Stadt der Welt, führend in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Politik: die zwanziger Jahre waren in vielfacher Hinsicht ein goldenes Zeitalter für Berlin. Die Weimarer Republik war ein progressiver Staat, der die Bauhaus-Architektur, die Filme von Fritz Lang mit Marlene Dietrich, die Lyrik und Bühnenstücke von Bertolt Brecht hervorbrachte und von der Philosophie und Psychologie Carl Gustav Jungs geprägt war.

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Berlin in den Goldenen Zwanzigern. Quelle: madamepickwickartblog.com

Sehenswürdigkeiten: Die moderne Architektur war der ganze Stolz der Weimarer Republik; die hellen und erschwinglichen Wohnungen, die für einen gesellschaftlichen Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg stehen sollten, bestachen mit modernem Wohnkomfort, waren sie doch mit Küchen und Badezimmern ausgestattet. Sechs damals entstandene Siedlungen gehören heute zum UNESCO-Kulturerbe. Die Hufeisensiedlung in Britz und die Siedlung Schillerpark im Wedding wurden beide in den 1920er Jahren nach Plänen von Bruno Taut gebaut und haben bis heute nichts von ihrem Charme verloren.

Central Berlin - Hufeisensiedlung
Kreativ und kunterbunt: die Hufeisensiedlung. Quelle: Ben Buschfeld

Shoppen: Absinth ist das destillierte und in Flaschen abgefüllte Lebensgefühl der 1920er Jahre. Die phänomenale Beliebtheit der „Grünen Fee“ lässt sich am besten im Selbstversuch nachvollziehen. Absinthe Depot hat eine beeindruckende Auswahl, die in der Flasche oder im Glas zum Erwerb steht.

Kneipen: Gambrinus trifft Bacchus ist ein echter Geheimtipp in der Oranienburger Straße. Seit 1896 stehen hier regionale Bierspezialitäten und traditionelle Berliner Küche auf der Speisekarte, und das Ambiente scheint sich seit den 1920er Jahren nicht geändert zu haben. Die Theke mit ihrer authentischen antiken Registrierkasse ist einfach nur wunderschön.

Tanzen: Im Clärchens Ballhaus wird seit über 100 Jahren getanzt. Nach wie vor findet im Spiegelsaaal jeden Mittwoch ein Swingabend statt. Wer richtig auf 20er Jahre steht, sollte unbedingt mal bei der monatlichen „Bohème Sauvage“-Klubnacht vorbeischauen. Einlass nur in authentischer Garderobe, und auch die monatlich wechselnden Schauplätze sind immer absolut stilecht.

Central Berlin - Clärchens Ballhaus
Der Spiegelsaal im Clärchens Ballhaus. Quelle: eventinc.de

1950er: Karl-Marx-Allee, Rock-‘n-Roll und Mad Men

Berlin damals: Die Stadt hatte sich noch nicht von den Zerrüttungen des Zweiten Weltkriegs erholt. Noch hatte die DDR zwar keine Mauer gebaut, doch die Unterschiede zwischen Ost und West waren bereits in den 1950er Jahren kaum zu übersehen: Während die Gegend um den Kurfürstendamm allmählich wieder im alten Glanz zu erstrahlen begann, mussten die Ost-Berliner mit Planwirtschaft und ständigem Mangel klarkommen. Zugleich wollte das Regime mit dem Bau der Stalinallee (heute: Karl-Marx-Allee) politische Stärke und Finanzkraft unter Beweis stellen.

Sehenswürdigkeiten: In den 1950ern entstanden zwei prominente Wohnungsbauprojekte: die Karl-Marx-Allee im Osten und das Hansaviertel im Westteil der Stadt. In beiden Fällen handelte es sich um Vorzeigeprojekte, die den Behauptungswillen zweier junger Staaten in Form von zukunftsweisender Architektur zum Ausdruck brachten.

Central Berlin - Strausberger Platz
Strausberger Platz und Karl-Marx-Allee anno 1954. Quelle: Heinz Funck/Bundesarchiv

Shoppen: Class of Berlin ist kein gewöhnlicher Second-Hand-Laden. Dass die Inhaber begeisterte Fans der 50er und 60er Jahre sind, sieht man auf den ersten Blick. Wer nach Petticoats oder Hüten wie aus der Serie „Mad Men“ sucht, wird hier fündig. Bei Bikini Berlin wiederum gibt es Neuwaren in einem imposanten Gebäude aus den 1950er Jahren, das 1956 als Bikini-Haus seine Tore öffnete.

Central Berlin - Bikini Berlin
Bikini Berlin. Quelle: Bikini Berlin.

Gastronomie: Ebenfalls 1956 eröffnete die Schauspielerin ihr Restaurant Mädchen ohne Abitur , das bis heute den Charme der 1950er Jahre verströmt. Serviert werden Klassiker der deutschen und internationalen Küche, die hier freilich verführerische Namen wie „L’amore grande di giacomo“ (Spaghetti Bolognese) tragen.

Kneipen: Wie wär’s mit einem Drink und einer neuen (Retro-) Frisur in der Tussy Lounge mit stilechtem 50er-Jahre-Dekor und entsprechender Musik? Oder sol les lieber doch mehr Action sein? In der Kugelbahn warten zwei authentische Kegelbahnen aus den fünfziger Jahren auf Sie.

Central Berlin - Tussylounge
Tussy Lounge: Stilechtes 1950er-Ambiente. Quelle: Tussy Lounge

Tanzen: Die Amerika-Begeisterung kannte keine Grenzen im West-Berlin der 1950er Jahre. Im Roadrunner’s Paradise oder im Bassy Club kann man bis heute zünftigen Rock’n’Roll erleben.

1970er: Bowie, Istanbul und der Fernsehturm

Berlin damals: Hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“ der Berliner Mauer war die Insel West-Berlin mit ihrer liberalen Musikszene und Subkultur ein Paradies für Punker und andere Freidenker aus aller Welt. Mitte der siebziger Jahre teilten David Bowie und Iggy Pop sich eine Wohnung in Schöneberg. Zugleich kamen wegen der niedrigen Mietpreise in Bezirken wie Kreuzberg auch immer mehr Einwanderer vor allem aus der Türkei nach West-Berlin. Kulturell lagen zwischen den beiden Hälften der geteilten Stadt Welten, auch wenn Honecker als neuer DDR-Staatschef eine gewisse Liberalisierung zuließ: Langhaarfrisuren, Miniröcke, Jeans, Jazz- und Beat-Musik waren in der DDR der siebziger Jahre nur noch verpönt statt verboten.

Central Berlin - Kreuzberg
Kreuzberg in den 1970er. Quelle:Michael Hughes

Sehenswürdigkeiten: Der Alexanderplatz ist synonym mit der Architektur der 1970er Jahre – neben dem Fernsehturm, mit 368 Metern das höchste Gebäude in Deutschland, finden Sie dort auch die Galeria Kaufhof (deren Gebäude bereits zu DDR-Zeiten als Kaufhaus diente), das ehemalige Haus des Reisens und Haus des Lehrers sowie das gigantische Park Inn.

Shoppen: Den Soundtrack zu den wilden West-Berliner Siebzigern gibt’s bei Core Tex, einem Plattenladen mit eigenem Label. Sie sind auf der Suche nach Siebziger-Jahre-Klamotten? Humana am Frankfurter Tor hat bestimmt das Richtige für Sie. Der größte Second-Hand-Laden Europas verteilt sich über fünf Stockwerke, und die Textilien sind nach Jahrzehnten vorsortiert.

Gastronomie: Heute kann man sich kaum vorstellen, dass türkische Restaurants in Kreuzberg einst eine exotische Rarität waren. Das Restaurant Istanbul behauptete lange nach seiner Eröffnung 1960 seinen Rang als wichtigstes türkisches Restaurant der Stadt – sogar Diplomaten und Politiker wussten die traditionelle Kost zu schätzen.

Die in der DDR so beliebten Nationalitätenrestaurants haben die Wende nicht überlebt. In der Volkskammer gibt es dafür immer noch authentische DDR-Kost in einem unverwechselbaren Siebziger-Jahre-Ambiente.

Tanzen: Das SO36 ist längst legendär: Seit seiner Eröffnung 1978 konnte der Club sich schnell als Hotspot für Punk und New Wave einen Namen machen. Er wurde in den Achtzigern vorübergehend geschlossen, in den Neunzigern wieder geöffnet und hält bis heute den Geist der Punk-Musik am Leben. Was keineswegs heißen soll, dass hier nicht auch zahlreiche andere Genres zu Gehör gebracht werden. Etwas weniger Authentizität, dafür aber umso mehr Klasse (zumindest vom Design her) bietet der Avenue Club im Keller des Café Moskau. Zu DDR-Zeiten befand sich hier ein berühmtes Restaurant mit Bar. Mittlerweile wurde das Gebäude sorgfältig renoviert und besticht nun mit einem stilechten 1970er-Jahre-Ambiente.

Central Berlin - Avenue Bar
Innenansicht des Avenue im Café Moskau. Quelle: event-integrator.de

Extra-Tipp: Zeitreise ins Mittelalter

Kleiner Extra-Tipp für Liebhaber mittelalterlicher Geschichte: Im Museumsdorf Düppel kann man die Zeitreise bis ins 12. Jahrhundert verlängern. Auf den archäologisch ausgegrabenen Grundrissen eines mittelalterlichen Dorfs wurde hier ein Freiluftmuseum erbaut, in dem Besucher in den Alltag der Bewohner von Berlin-Cölln hineinschnuppern können.

Central Berlin - Düppel
Museumsdorf Düppel. Quelle: Daphne Damiaans